Ad Reinhardt, zwölf technische Regeln

»Arbeits­ma­te­ria­li­en«

Ad Rein­hardt, Zwölf tech­ni­sche Regeln, 1953

Text­aus­zug:

Die zwölf tech­ni­schen Regeln, 1953 (oder wie man die zwölf zu ver­mei­den­den Din­ge erreicht), die befolgt wer­den müs­sen, sind:
1. Kei­ne Tex­tur. Die Tex­tur ist natu­ra­lis­tisch oder mecha­nisch und von vul­gä­rer Qua­li­tät, ins­be­son­de­re Pig­ment­tex­tur oder pas­tos. Palet­ten­mes­ser, Lein­wand­s­te­chen, Farb­ab­stri­che und ande­re Akti­ons­tech­ni­ken sind unin­tel­li­gent und soll­ten ver­mie­den wer­den. Kei­ne Unfäl­le oder Automatismus.
2. Kei­ne Pin­sel­füh­rung oder Kal­li­gra­phie. Hand­schrift, Hand­ar­beit und Han­druck sind per­sön­lich und geschmack­los. Kei­ne Unter­schrift oder Mar­ke. “Pin­sel­füh­rung soll­te unsicht­bar sein.” “Man soll­te nie­mals zulas­sen, dass der Ein­fluss böser Dämo­nen die Kon­trol­le über den Pin­sel erlangt.”
3. Kein Skiz­zie­ren oder Zeich­nen. Alles, wo man anfan­gen und wo man enden soll, soll­te vor­her im Kopf her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. “Beim Malen soll­te die Idee im Kopf exis­tie­ren, bevor der Pin­sel auf­ge­nom­men wird.” Kei­ne Linie oder Umriss. “Ver­rück­te sehen Umris­se und zeich­nen sie des­halb.” Eine Geld­stra­fe ist eine Figur, ein “Qua­drat ist ein Gesicht”. Kei­ne Schat­tie­rung oder Streifenbildung.
4. Kei­ne For­mu­la­re. “Das Feins­te hat kei­ne Form.” Kei­ne Figur oder Vor- oder Hin­ter­grund. Kein Volu­men oder Mas­se, kein Zylin­der, kei­ne Kugel oder Kegel oder Wür­fel oder Boo­gie-Woo­gie. Kein Drü­cken oder Zie­hen. “Kei­ne Form oder Substanz.”
5. Kein Design. “Design ist überall.”
6. Kei­ne Far­ben. “Far­ben­ja­lou­sien.” “Far­ben sind ein Aspekt des Aus­se­hens und damit nur der Ober­flä­che.” Far­ben sind bar­ba­risch, insta­bil, deu­ten auf Leben hin, “kön­nen nicht voll­stän­dig kon­trol­liert wer­den” und “soll­ten ver­bor­gen wer­den”. Far­ben sind eine „ablen­ken­de Ver­schö­ne­rung“. Kein Weiß. “Weiß ist eine Far­be und alle Far­ben.” Weiß ist „anti­sep­tisch und nicht künst­le­risch, ange­mes­sen und ange­nehm für Küchen­ar­ma­tu­ren und kaum das Medi­um, um Wahr­heit und Schön­heit aus­zu­drü­cken.“ Weiß auf Weiß ist „ein Über­gang von Pig­ment zu Licht“ und „eine Lein­wand für die Pro­jek­ti­on von Licht“ und „beweg­te“ Bilder.
7. Kein Licht. Kein hel­les oder direk­tes Licht im oder über dem Gemäl­de. Eine dunk­le, saug­fä­hi­ge Däm­me­rung am spä­ten Nach­mit­tag ist am bes­ten drau­ßen. Kein Hell­dun­kel, „die übel­rie­chen­de Rea­li­tät von Hand­wer­kern, Bett­lern, Ober­tei­len mit Lum­pen und Falten“.
8. Kein Platz. Der Raum soll­te leer sein, nicht pro­ji­zie­ren und nicht flach sein. “Das Gemäl­de soll­te sich hin­ter dem Bil­der­rah­men befin­den.” Der Rah­men soll­te das Gemäl­de iso­lie­ren und vor sei­ner Umge­bung schüt­zen. Raum­un­ter­tei­lun­gen inner­halb des Gemäl­des soll­ten nicht gese­hen werden.
9. Kei­ne Zeit. “Die Uhr­zeit oder die Zeit des Men­schen spielt kei­ne Rol­le.” Es gibt kei­ne alte oder moder­ne, kei­ne Ver­gan­gen­heit oder Zukunft in der Kunst. “Ein Kunst­werk ist immer prä­sent.” Die Gegen­wart ist die Zukunft der Ver­gan­gen­heit, nicht die Ver­gan­gen­heit der Zukunft. “Jetzt und vor lan­ger Zeit sind eins.”
10. Kei­ne Grö­ße oder Ska­la. Brei­te und Tie­fe des Den­kens und Füh­lens in der Kunst haben kei­nen Bezug zur phy­si­schen Grö­ße. Gro­ße Grö­ßen sind aggres­siv, posi­ti­vis­tisch, gemä­ßigt, venal und graziless.
11. Kei­ne Bewe­gung. „Alles ande­re ist in Bewe­gung. Kunst soll­te still sein. “
12. Kein Objekt, kein Sub­jekt, egal. Kei­ne Sym­bo­le. Bil­der oder Zei­chen. Weder Ver­gnü­gen noch Far­be. Kein sinn­lo­ses Arbei­ten oder sinn­lo­ses Nicht-Arbei­ten. Kein Schachspiel.
Ergän­zen­de Vor­schrif­ten sind: Kei­ne Staf­fe­lei oder Palet­te. Nied­ri­ge, fla­che und robus­te Bän­ke funk­tio­nie­ren gut. Die Pin­sel soll­ten neu, sau­ber, flach, gleich­mä­ßig, 1 Zoll breit und stark sein. “Wenn das Herz auf­recht ist, ist die Bürs­te fest.” Kein Geräusch. “Die Bürs­te soll­te leicht und glatt über die Ober­flä­che lau­fen” und lei­se. Kein Rei­ben oder Scha­ben. Die Far­be soll­te dau­er­haft, frei von Ver­un­rei­ni­gun­gen, gemischt und in Glä­sern auf­be­wahrt sein. Der Duft soll­te “rei­ne Ter­pen­tin-Spi­ri­tuo­sen, unver­fälscht und frisch, destil­liert” sein. “Der Kle­ber soll­te so klar und sau­ber wie mög­lich sein.” Lein­wand ist bes­ser als Sei­de oder Papier und Lei­nen ist bes­ser als Baum­wol­le. Es soll­te kei­nen Glanz im Finish geben. Glanz reflek­tiert und bezieht sich auf die sich ändern­de Umge­bung. “Ein Bild ist fer­tig, wenn alle Spu­ren der Mit­tel, mit denen das Ziel erreicht wur­de, ver­schwun­den sind.”

 

DOSSIER

MANIFEST: Ad Rein­hardt, Zwölf tech­ni­sche Regeln für eine neue Aka­de­mie, 1953