Gedan­ken­flug

  »TAGEBUCH« 


Eigent­lich, so wur­de mir nach eini­ger Zeit klar, ist es dann gut, wenn der Pfeil gar nicht mehr flie­gen muss.

LODO: Mei­ne Erfah­run­gen mit son­der­ba­ren Sport­ar­ten begann schon vor zwei Jah­ren. Zuvor hat­te ich mich aus­schließ­lich und vol­ler Hin­ga­be für Alge­bra inter­es­siert. Sport ist etwas für Lang­wei­ler, für Leu­te die nichts Bes­se­res zu tun haben, als sich die Zeit mit Schwit­zen um die Ohren zu schla­gen. Wie tri­vi­al. Da aber in der Mathe­ma­tik auch nicht alles so lief, wie ich es mir erträumt hat­te, brauch­te ich eine Gegen­welt zur Gegen­welt. „Zen und die Kunst des Bogen­schie­ßens“, hier gab es einen leich­ten Zugang für mich. Mein­te ich.

     O. k. Bogen schie­ßen, natür­lich Lang­bo­gen und nur die intui­ti­ve Metho­de; zie­len ist doch lang­wei­lig und irgend­wie ein tech­ni­scher Vor­gang. Hin­ge­gen den Pfeil ins Ziel den­ken, oder bes­ser ins Ziel wün­schen dage­gen ver­spricht ein ganz­heit­li­ches Erle­ben. Eigent­lich, so wur­de mir nach eini­ger Zeit klar, ist es dann gut, wenn der Pfeil gar nicht mehr flie­gen muss. Die Gedan­ken flie­gen, oder eben gera­de nicht. Das tut gut. Der Rudi hat mich zum Bogen schie­ßen gebracht, aber weil er erst mal zwei, drei Bier trin­ken muss­te, ehe er einen Pfeil flie­gen las­sen konn­te, wur­de die Sache zeit­auf­wän­dig. Außer­dem hat­te er ein Art Lade­hem­mung kul­ti­viert, — eigent­lich eher das Gegen­teil; er konn­te den Pfeil nicht lan­ge genug zurück­hal­ten. Wer kennt das nicht? Ich soll­te dann immer einen Count­down zäh­len, was mich aber irgend­wie etwas befrem­det hat. Dann hat­te er offi­zi­ell Pfeil und Bogen an den Nagel gehängt. Ich schieß schon noch, – hin und wie­der einen Pfeil. Eher sel­ten.

     Aber ich hab die Bögen und Pfei­le ger­ne im Haus, freue mich über die viel­fach repa­rier­ten Pfei­le und deren bun­te Federn. Um die Uten­si­li­en haben sich dann noch wei­ter Objek­te ein­ge­fun­den: Federn und geschmie­de­te Spit­zen von Mit­tel­al­ter­märk­ten, beson­ders gera­de Ste­cken, Leder­bänd­chen, schö­ne kräf­ti­ge klei­ne Mes­ser. Inspi­riert durch die olym­pi­sche Idee hat­te ich im Herbst in der Kuni­gun­den­ruh an einem Wett­be­werb teil­ge­nom­men. Es war ein Par­cours im Wald mit PU-Zie­len. Und ich war gar nicht so schlecht, wur­de aber lei­der dis­qua­li­fi­ziert, nicht wegen Alko­hol am Bogen, son­dern weil mei­ne Pfei­le zu leicht waren.

     Das Schö­ne an neu­en sport­li­chen Gebie­ten ist der Lern- und Trai­nings­er­folg, der beson­ders in der frü­hen Pha­se der Beschäf­ti­gung spür­bar wird. Den Bogen span­nen, zuerst 25 Pfund, dann 45, das ist schon ein Erfolgs­er­leb­nis. Doch dann beginnt es sich im Kreis zu dre­hen und wenn man dann nicht durch das sport­li­che Umfeld mit­ge­nom­men wird, das hier doch eher im Tarn­fleck durchs Unter­holz pflügt, und Neu­es erfährt wird es schwie­rig dran zu blei­ben. Sogar auf unse­re Urlaubs­rei­sen ins Tes­sin habe ich mei­nen Bogen mit­ge­nom­men, habe aber kei­nen Pfeil flie­gen las­sen, weil ich es mir nicht getraut habe in der neu­tra­len Schweiz einen Schuß in frei­er Natur zu machen. Das war aber nicht wei­ter ent­täu­schend, im Gegen­teil ich war sogar irgend­wie erfüllt von dem Gedan­ken, nicht mal mehr den Bogen in die Hand neh­men zu müs­sen und trotz­dem die Ruhe und Kon­zen­tra­ti­on des Bogen­sports zu genie­ßen.

     In den kom­men­den Win­ter­mo­na­ten haben mich dann mei­ne Ent­de­cker­fan­ta­sien über­rollt und mein nächs­tes Begehr gewann an Kon­tur. Ein Pro­spek­tor soll­te es sein.

Kurt Sem­per, 2017

Antho­lo­gie