Sie sah wie eine Bom­be aus

»TAGEBUCH«



Aus unter­schied­li­chen Rich­tun­gen betrach­tet ent­ste­hen oft Zeit­bla­sen, in denen sich ein Raum auf­span­nen lässt. Wie in einem Muse­um, man kann hin­ein gehen und die Din­ge dort betrach­ten.

   Die ers­te Begeg­nun­gen mit Male­rei geschah nicht in solch einem gedach­ten Raum, son­dern ent­stand wegen einer star­ken Vor­stel­lung, die in mir als Geg­ent­wurf zur Enge des bür­ger­li­chen Seins erwuchs. Sie führ­te zu mei­nem ers­ten Bild. Streng kom­po­niert, Rot und Blau, genau kom­ple­men­tär und 100 x 100 cm, Oel auf Nes­sel. Im Lau­fe der Jah­re habe ich zwei ver­klei­ner­te Ver­sio­nen die­ses Bilds gemalt, wohl auch weil das Ori­gi­nal und dann auch die ers­te Kopie von den vie­len Umzü­gen und impro­vi­sier­ten Lebens­si­tua­tio­nen schon arg mit­ge­nom­men war. Auch im Hin­ter­grund ande­rer Bil­der habe ich das ers­te Bild immer wie­der zitiert. 

   Erst nach Jah­ren fing ich wie­der mit dem Malen an. Es war eine gigan­ti­sche Zeit­bla­se in der ich genau das so tun konn­te, wie es getan wer­den soll­te. Ich begann mit einer Samm­lung mög­li­cher For­ma­te, fer­tig­te Zeich­nun­gen, fal­te­te Papier und erforsch­te die Zusam­men­hän­ge der Pro­por­ti­on von Höhe und Brei­te. Die Kunst, so mein­te ich, ist kon­kret, sie bil­det nicht ab. Sie ist was sie ist. Sie will nichts, nicht ein­mal schön sein, nur wahr­haf­tig.

  Das Ende der Kunst wur­de der Anfang mei­ner Kunst. Nur so konn­te sie mein Anker sein. An Klar­heit konn­te ich das nicht mehr über­bie­ten, danach wur­de es nur noch schlech­ter.

   Die Akus­tik der hohen Räu­me in der Aka­de­mie ist über­wäl­ti­gend, oft hat­te ich eine Posau­ne dabei. Fran­cis Pica­bia gehör­te zu mei­nen Vor­bil­dern. In der Male­rei der ame­ri­ka­ni­schen Farb­flä­chen­ma­ler sah ich mei­ne Vor­stel­lung von Male­rei voll­endet. Heu­te ist das Geschich­te.

   Chris­ti­an frag­te, ob er zuse­hen darf. »Was soll beim Schweis­sen und Fle­xen schon zu sehen sein?« Als die Form fer­tig war, ging ich aus dem Raum. Wir wur­den Freun­de. Adolf, mein Vater hat die Skulp­tur dann Jah­re spä­ter wie­der in ihre Bestand­tei­le zer­legt. Es muss eine gro­ße Anstren­gung für ihn gewe­sen sein. Blei ver­gos­se­ne Ver­bin­dun­gen von ver­schweiss­ten star­ken Band­ei­sen um einen mas­si­ven Beton­kern. Sie sah wie eine Bom­be aus.

KURT SEMPER, LOH 06/2019

Antho­lo­gie